Internet like it’s 1899

Mein Glückwunsch an Axel Voss und die 348 Abgeordneten des Europaparlaments, die das Internet, wie wir es bis jetzt in 2019 gekannt haben, zu Grabe getragen haben.

Ich möchte mich nicht in den Chor der Trauernden um das Internet in Gänze einreihen, denn das Internet ist damit nicht abgeschafft.

Aber eben zurückgebombt ins Jahr 1899. Zumindest in Europa. Denn für den Rest der Welt dreht sich die sozial teilende virtuelle Welt ja weiter.

Nur wir in Europa dürfen halt nicht mehr mitspielen. Schade.

Aber frohlocken wir! Dafür haben wir mehr Überwachung, Unfreiheit und Zensur. Ist doch auch schön. Oder?!

Facebook ist halt ein großes Fass…

…da dauert es etwas länger, bis es überläuft.

Aber bitte, liebe Facebook-Nutzer (und damit meine auch euch Instagrammer und WhatsApper!), reicht es euch nicht langsam mal?

Jetzt hat Facebook “versehentlich” hunderte Millionen von Passwörtern im Klartext gespeichert! Im Klartext!

Das ist kein verdammtes “Versehen”! Das ist Schlamperei, die auf das Gröbste gegen die DS-GVO verstößt. Aber selbst eine richtig harte Geldstrafe wird Facebook nicht treffen.

Daher mein Aufruf an euch: Bestraft Facebook, indem ihr diesem gammeligen Werbenetzwerk den Rücken kehrt. Endgültig. Und auch WhatsApp und Instagram.

Wie? Hier ist eine schöne Anleitung dazu.

Warum algorithmische Upload-Filter nicht funktionieren

Terror an sich ist schon schlimm genug. Aber wenn dieser dann auch noch sozial-medial ausgeschlachtet wird, ist das noch widerlicher.

Gegen diese Form des Terrors hatte Facebook doch seine KI eingesetzt. Die filtert Terror-Propaganda raus. Dann bleibt das soziale Netzwerk sauber.

So die Theorie von Facebook.

Funktioniert jedoch nicht, hat sich jetzt nach dem Attentat in Christchurch gezeigt, denn ein solcher Algorithmus muss trainiert werden – mit sehr großen Datenmengen.

“Um das zu erreichen, müssen wir unsere Systeme erst mit großen Mengen von Daten von genau solchen Inhalten versorgen – was schwierig ist, da solche Ereignisse dankenswerterweise selten sind”

Guy Rosen, VP, Product Management (Facebook)

Und außerdem würde dann die ganze schöne Werbeflut ja nicht mehr bei den Useds von Facebook ankommen – wenn die Upload-Prüfer sich mit terroristischen Widerlichkeiten auseinandersetzen würden.

“Wenn unsere Systeme zum Beispiel bei tausenden Stunden von Livestreams aus Videospielen Alarm schlagen würden, könnten unsere Prüfer die wichtigen Videos aus der realen Welt verpassen”

Guy Rosen, VP, Product Management (Facebook)

Zynisch, aber ehrlich. Zeigt doch endlich mal wieder klar die Priorität von Facebook: Es ist ein Werbenetzwerk, kein Nachrichtenkanal.

Deswegen: Raus, so schnell ihr könnt!

Urheberrechtsreform, oder Papier ist geduldig

Eine Verpflichtung von Plattformen zum Einsatz von Upload-Filtern, um von Nutzern hochgeladene Inhalte nach urheberrechtsverletzenden Inhalten zu „filtern“, lehnen
wir als unverhältnismäßig ab.

Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 19. Legislaturperiode

Genau so steht es im Koalitionsvertrag, der die Zusammenarbeit unserer aktuellen Regierung festlegt. Ich habe das Gefühl, dass auf die Worte unserer Regierung nicht allzuviel zu geben ist.

Nicht nur hat Deutschland bei der Abstimmung über Artikel 13 der Urheberrechtsreform klar gegen den Koalitionsvertrag gehandelt.

Jetzt hat auch Justizstaatssekräter Christian Lange auf eine Anfrage der FDP geantwortet, dass

“[..] bereits aus Praktikabilitätsgründen wohl algorithmenbasierte Maßnahmen anzuwenden sein.”

Christian Lange, SPD

Mit diesen “algorithmenbasierten Maßnahmen” sind wiederum Upload-Filter gemeint.

O tempora, o mores!

Ich frage mich wirklich, wie man bei einer derart klaren Missachtung von Absprachen durch Politiker, die uns Vorbild sein wollen (oder zumindest sollten), noch zu einem rechtschaffenen Lebenswandel motiviert werden soll.

Endlich: Personalausweise zukünftig personalisiert

Nun hat das Europaparlament zur Spitze der Überwachung, äh, Personalisierung Anschluss gefunden: Nicht nur ein biometrisches Merkmal (Passbild), nein zwei Merkmale (Passbild und zwei Fingerabdrücke) müssen zukünftig in einem Personalausweis gespeichert werden.

Dient aber natürlich nicht der Überwachung, sondern nur der “Personalisierung” der Ausweisdokumente. Schon klar, hat ja auch massiv überhand genommen der Einsatz von Gruppen-Ausweisen…

Der besseren Identifikation des Ausweis-Inhabers dienen diese zusätzlichen Merkmale jedoch nicht, seiner “Sicherheit” sehr wohl. Die EU käme niemals auf die Idee, jetzt eine biometrische Superdatenbank aufzubauen.

Kann ja gar nichts schief gehen mit einer derart schönen Sammlung biometrischer Daten…

Was ist eigentlich an “nicht bezahlen” so schwer zu verstehen?

Ja, ja, ich weiß, das menschliche Gehirn blendet das Wort “nicht” gern aus.

Möglicherweise ist das die Erklärung für die 400.000 $ Lösegeld, die in Jackson County (Bundesstaat Georgia, USA) gezahlt wurden, um an die durch einen Erpressungs-Trojaner verschlüsselten Daten zu kommen.

Die Erwägung, das Lösegeld zu zahlen, wird damit begründet, dass das System ja ansonsten Monate still liegen würde:

“We had to make a determination on whether to pay. We could have literally been down months and months and spent as much or more money trying to get our system rebuilt.”

Kevin Poe, Jackson County Manage

Ja, haben die denn keine Backups? Scheint wohl nicht der Fall zu sein, wenn die finanzielle Unterstützung von Kriminellen als einfacherer Weg beschritten wird. In Backups und eine gut ausgebildete IT-Abteilung zu investieren, ist offensichtlich zu schwierig.

Oh, aber immerhin hat Jackson County seine Daten zurück, so zumindest die Aussage von County Manager Kevin Poe:

“We did verify before we paid them that we were dealing with the right people,” he said, explaining the attackers provided a decryption file for them to test.”

“We ran it one time and it came out 100 percent clean,” he said. ”… Basically, they encrypted the data and held it hostage and when we made the payment, they gave us the decryption file.”

Kevin Poe, Jackson County Manage

Ja, das ist schon ein tolles Beispiel, wenn selbst Behörden lieber Lösegeld zahlen, als ihre IT vernünftig aufzusetzen. Ich freu mich ja jetzt schon auf Industrie 4.0 und den digitalen Staat.

Vielleicht sollten wir alle noch viel mehr Bleistifte und Papier horten…

2FA ist ja was Gutes…

…solange dieses Verfahren (Zwei-Faktor-Authentisierung) auch wirklich nur zur Absicherung eines Kontos verwendet wird!

Nun, Facebook sieht das mal wieder etwas anders. So hat das Technik-Blog Gizmodo bereits im November 2018 herausgefunden, dass Facebook die – einzig für Sicherheitszwecke hinterlegte zweite Telefonnummer – ebenfalls an Werbetreibende verkauft hat.

Achja, seufz, was soll ich da noch sagen. Wer halt immer noch bei Facebook ist, weiß eben, wie man feiert – und dabei seine Daten und digitale Identität verspielt.

Ach – und wo ich gerade bei “Daten verspielt” bin – hat Facebook letzten Monat doch behauptet, dass durch die mittlerweile aus den Stores verbannte Datenabsauge-App Onavo Daten von “nur” 5% minderjährigen Nutzern gesammelt wurden – hat sich jetzt doch herausgestellt, dass es doch 18% minderjährige Nutzer waren. Bedauerlicher Fehler.

Also, wer Facebook jetzt auch nur noch eine Aussage glaubt, ist wirklich unerschütterlich in seinem Glauben an das Gute, Wahre, Schöne.

Ist doch seit heute Fastenzeit: Wie wäre es denn mal mit Social-Media-Fasten (Facebook ist mehr als Facebook – WhatsApp und Instagram bitte auch!)? Dann kann man mal sehen, dass es auch noch ein echtes Leben im Virtuellen gibt.